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14.12.2011
Viele Schüler schalten im Chemieunterricht einfach ab. Manche verzweifeln am Periodensystem, andere an der Formel-Vielfalt. „Wenn Schüler jedoch praktisch arbeiten können, sind sie hochmotiviert – und auch bereit, sich mit der Theorie auseinanderzusetzen“, sagt Andrea Bappert (46), Chemielehrerin an der Gelsenkirchener Hauptschule Emmastraße.
Andrea Bappert nimmt mit ihrer Kollegin Gudrun Krapf (54) an einer Chemielehrerfortbildung im Marler Chemiepark teil. Ausgerüstet mit weißem Kittel und Schutzbrille, arbeiten die beiden im Ausbildungslabor an einem Versuch, der das Ziel hat, aus Naturstoffen wie Milchreis und Gelantine einen Klebstoff herzustellen.
„Kunststoffe und Klebstoffe“ lautet diesmal der Titel der Lehrerfortbildung. Es ist insgesamt bereits die achte, die der Arbeitgeberverband Chemie Westfalen, der Evonik-Konzern und das Chemielehrerfortbildungszentrum Dortmund gemeinsam organisieren. Am Ende des Tages werden die 14 Pädagogen eine Anleitung für 30 chemische Experimente mit in ihre Schule nehmen. „Es geht darum, mit wenig finanziellem Aufwand attraktive Versuche zu ermöglichen“, betont Marius Olechowski (52), Ausbilder im Chemiepark. So wandern zum Beispiel Kartoffeln, Gummibärchen und Zucker in den Experimentierkoffer.
Das ganze Projekt hat einen höheren Sinn. Der besteht darin, junge Menschen für die Chemie zu begeistern. Das nördliche Ruhrgebiet ist eine der wichtigsten Chemieregionen in Deutschland, der Chemiepark in Marl der größte Arbeitgeber. Dass die Unternehmen eines Tages ihre Arbeitsplätze nicht mehr mit Fachkräften besetzen können, ist eine Vorstellung, vor der es jedem Manager graust.
„Wir wollen in den Schulen das Feuer für die Chemie entfachen“, sagt Bernd Brucker (44), bei den Arbeitgeberverbänden Ruhr/Westfalen für Kommunikation und Bildung zuständig. „Und dazu brauchen wir die Lehrer.“ Die sollen durch einen lebendigen Unterricht verhindern, dass Schülerinnen und Schüler die Naturwissenschaft abwählen, sobald dies möglich ist.
Bei Ingrid Kasten (57), Lehrerin am Gymnasium in Haltern, laufen die Arbeitgeberverbände mit ihrem Appell offene Türen ein. Sie hat schon an mehreren Fortbildungen dieser Art teilgenommen und lässt kaum eine Unterrichtsstunde ohne Experimente verstreichen. So gehen praktische Versuche und theoretischer Stoff eine „ideale Verbindung“ ein, wie sie betont. „Ganz wichtig ist, dass die Experimente durch die Schüler selbst ausgeführt werden.“
Mehrere hundert Jugendliche durchlaufen jährlich im Marler Chemiepark ein Praktikum. Chemikant und Chemielaborant sind die wichtigsten chemieorientierten Berufe. Dem Arbeitgeberverband Chemie ist es ein wichtiges Anliegen, die „Top 10“ der Berufe – vom Kfz-Mechatroniker über die Friseurin bis zu den Kaufleuten – aufzubrechen und mehr junge Menschen für eine Ausbildung in der Chemie zu gewinnen. „Das ist eine gute Alternative“, findet auch die Gelsenkirchener Hauptschullehrerin Gudrun Krapf. Sie macht ihren Schülerinnen und Schülern Mut, sich auf solche Stellen zu bewerben. Auch gute Hauptschulabsolventen mit 10-B-Abschluss hätten hier durchaus Chancen, betont sie.